1955 – 2025: SOS-Kinderdorf Altmünster

70 Jahre SOS-Kinderdorf Altmünster
Im Juni 1955 ist der Verein SOS-Kinderdorf Oberösterreich gegründet worden. Damit ist der Grundstein für das SOS-Kinderdorf Altmünster gelegt worden. Ein Jahr später – Ende 1956 - sind bereits die ersten Kinder ins Dorf eingezogen. Das SOS-Kinderdorf Altmünster wurde von da an ein neues & liebevolles Zuhause für Generationen von Kindern und Jugendlichen. Es zählt zudem zu den ältesten SOS-Kinderdörfern weltweit. Über 1.440 Kinder und Jugendliche sind seit der Gründung des SOS-Kinderdorfes in Oberösterreich betreut worden. Sechs ehemalige SOS-Kinderdorf Kinder aus verschiedenen Generationen erinnern sich anlässlich des 70-jährigen Jubiläums des SOS-Kinderdorfs Altmünster an diese für sie so prägende Zeit.
Gründung & Frühe Jahre
Im Juni 1955 ist der Verein SOS-Kinderdorf Oberösterreich gegründet worden, damit wurde auch der Grundstein für den Bau des SOS-Kinderdorfs in Altmünster gelegt. Der Journalist, Hans Heinz Reinprecht, hatte Anfang der 50er Jahre den Gründungsvater der SOS-Kinderdörfer, Hermann Gmeiner, kennengelernt und war vom Konzept der ersten Einrichtung in Imst so begeistert, dass er auch in Oberösterreich ein SOS-Kinderdorf errichten wollte. Reinprecht war in den ersten zwei Jahren auch Kinderdorfleiter in Altmünster, bevor er sich als Generalsekretär dem SOS-Kinderdorf International widmete. 1956 erfolgte der Bau von sieben Familienhäusern – Ende des Jahres konnten bereits die ersten Kinder einziehen. In einer zweiten Bauphase entstanden zwischen 1958 und 1960 weitere vier Familienhäuser. Zwischen 1960 und 1962 wurden weitere vier Häuser gebaut – von da an wurden in insgesamt 15 Häusern bis zu 140 Kinder betreut. In den Jahren 1962/63 entstand am Areal zudem ein Kindergarten, der später auch öffentlich genutzt wurde.
Pädagogischer Wandel – 90er Jahre
Neue pädagogische Ansätze und Erkenntnisse in den 90er Jahren führten auch im SOS-Kinderdorf zu neuen Betreuungsformen. Die Einrichtung der ersten Krisenwohngruppe mit dem Namen SIMBA läutete 1994 im SOS-Kinderdorf Altmünster ein neues Kapitel ein. Hier fanden fortan Kinder ein erstes Zuhause, in dem sie nach der behördlichen Abnahme von ihren leiblichen Eltern engmaschig betreut wurden. 2011 wird für die Krisenwohngruppe ein eigenes Gebäude erbaut. 1999 wurde das neue Jugendhaus im SOS-Kinderdorf gebaut, in dem Jugendliche ab 14 Jahren bis zur Volljährigkeit betreut werden. Auch nach der Volljährigkeit gibt es heute noch eine Form der Nachbetreuung im betreuten Außenwohnen. Von 2002 bis 2004 wurde das Gebäude für eine Kinderwohngruppe im Rahmen des Familienstärkungsprogramms mit dem Namen TABALUGA errichtet (ab 5 Jahren). „Voraussetzung für die Aufnahme war die Rückführung der Kinder in ihre Herkunftsfamilie innerhalb von zwei Jahren. Inzwischen gibt es aber in jedem pädagogischen Konzept des SOS-Kinderdorfs Rückführungen in die Herkunftsfamilie und Elternarbeit. Heute können Kinder deshalb längerfristiger im Angebot TABALUGA bleiben“, so der SOS-Kinderdorfleiter von Oberösterreich, Gerhard Pohl. Seit 2019 gibt es mit dem Familienwohnen ein weiteres pädagogisches Setting, bei dem Kinder gemeinsam mit ihren Eltern über einen Zeitraum von zwei Jahren betreut werden. Erklärtes Ziel ist dabei, neben den Kindern auch die Eltern zu stärken, damit die Familie später wieder eigenständig leben kann.
Standort-Evaluierung & Neubau – 2019 – 2024
Dem großen Neubau ist ab 2019 ein umfassender Evaluierungsprozess vorausgegangen. Das Ergebnis war ein klares JA zum Standort in Altmünster. Mitarbeiter*innen und Bewohner*innen sind im Vorfeld des Neubaus aktiv beteiligt worden und konnten ihre Vorstellungen und Wünsche in Bezug auf die neuen Gebäude einbringen. Im Juni 2022 erfolgte der Spatenstich, im September 2024 feierte das SOS-Kinderdorf Altmünster die Neueröffnung. In den zwei Jahren Bauzeit sind elf innovative Gebäude nach den neuesten pädagogischen und ökologischen Standards entstanden. Mit dem Schüler*innenWohnen ist durch den Neubau ein neues pädagogisches Angebot hinzugekommen. Familien sollen dadurch im Bereich schulische Förderung entlastet werden. Die Pflichtschüler*innen im Alter von 8 bis 14 Jahren wohnen während der Woche im SOS-Kinderdorf und kehren an den Wochenenden und in den Ferien zu ihren Eltern heim. Zudem wurde im Herbst 2024 das neue Freizeit- und Therapiehaus eröffnet. Hier gibt es öffentlich zugängliche Therapieangebote, die auch speziell auf Kinder zugeschnitten sind: Von der Ergo- über Physio- bis hin zur Psychotherapie und tiergestützten Intervention. Mit der Errichtung eines Naturnahen Spielraumes und eines Pumptracks wurden weitere Angebote für die Bevölkerung geschaffen. Dadurch wurde die Öffnung des Kinderdorfes für die Allgemeinheit weiter vorangetrieben. SOS-Kinderdorf-Leiter Oberösterreich, Gerhard Pohl: „Das SOS-Kinderdorf Altmünster weist heute eine große pädagogische Vielfalt auf, wir haben zudem mehr Platz und therapeutische Angebote im Dorf. Dadurch ist die individuelle Betreuung von Kindern und Jugendlichen und daneben auch die aktive Arbeit mit den Eltern möglich. Unsere oberste Prämisse bei SOS-Kinderdorf lautet: ,Jedem Kind ein liebevolles Zuhause‘“, so Pohl.
Nachhaltigkeit
Beim Dorfneubau wurde großer Wert auf das Thema Nachhaltigkeit gelegt: Die Häuser sind in Massivholzbauweise gebaut worden. Die Heizung wurde Großteils auf Biomasse mit Pellets umgestellt, am FamilienRAThaus sind Photovoltaikzellen angebracht worden. Das SOS-Kinderdorf wurde durch den Neubau zudem autofrei. „Klimaschutz ist Kinderschutz. Wir sehen es daher als unsere Aufgabe, unseren Beitrag zur Energiewende zu leisten“, erläutert der SOS-Kinderdorf-Leiter von Oberösterreich, Gerhard Pohl.
Zitate – 70 Jahre SOS-Kinderdorf Altmünster
Wolfgang Weiss, ehemaliges SOS-Kinderdorf Kind: „Ich hatte im Kinderdorf immer alles, was ich gebraucht habe: Viele Freunde und eine Kinderdorf-Mutti, die mir Halt gegeben hat. Das Recht auf eine glückliche, abenteuerliche Kinderzeit wurde mir im SOS-Kinderdorf gewährt“. Und weiter schreibt Weiss in seiner Autobiografie Sechster Sechster Fünfzig – Vom Glück, in einem SOS-Kinderdorf zu leben: „Wer Unerträgliches durchmacht, weiß, wie leicht Wunderschönes zu ertragen ist. Ich machte beides mit. Das Wunderschöne erlebte ich im SOS-Kinderdorf Altmünster. Als Baumstumpfdorf-Erbauer, Müllhaldenstierler, Eselerschrecker, (…) einhändiger Ziehquetschenspieler, Ölbildmaler, rasender Radler (…) Vom Sorgenkind zum braven Musterfurz. Was für eine fantastische Zeit“. „Wir Kinderdorf-Kinder hatten damals Paten aus der ganzen Welt, sie haben uns oft besondere Geschenke gemacht, die ansonsten undenkbar gewesen wären. Ich hatte etwa eine Patentante aus Hawaii. Sie hat mir eine Kodak-Kamera und einen Malkasten mit hochwertigen Ölfarben geschenkt, so wurde das Künstlerische früh bei mir gefördert“, erinnert sich Weiss.
Viele der ehemaligen Kinderdorf-Kinder pflegten oder pflegen auch nach ihrem Auszug einen engen Kontakt zu ihren ehemaligen Betreuer*innen oder ihrer Kinderdorfmutter. Ein sehr herzliches Verhältnis hat etwa Evelyn Führer zu ihrer einstigen SOS-Kinderdorfmutter: „Sie hat mir Disziplin, Werte und Lebensfreude mit auf den Weg gegeben. Sie war überzeugt davon, dass jeder Mensch für etwas bestimmt ist, und genau das hat sie uns spüren lassen. Sie hat mit unermüdlichem Einsatz alles für uns gegeben (…) ich verdanke ihr alles. (…) Durch sie habe ich meine Träume verwirklicht und vieles im Leben erreicht“, so Führer. Sie bezeichnet ihre Zeit im SOS-Kinderdorf heute als „entscheidenden Wendepunkt in meinem Leben. Heute darf ich mit Dankbarkeit zurückblicken.“ Auch der ehemalige Bewohner, Aleksandar Wurzinger, hat noch regelmäßigen Kontakt zu seiner damaligen Kinderdorf-Mutter – sein Auszug liegt noch nicht so lange zurück: „Ich höre bzw. sehe sie jede Woche einmal. Heute lebe ich mit einem ehemaligen Kinderdorfkind aus demselben Haus in einer WG“.
Traditionen und kulturelle sowie religiöse Bräuche wurden im SOS-Kinderdorf Altmünster seit jeher gepflegt und haben den Kindern viel bedeutet, erinnert sich der Ehemalige & Standortleiter vom SOS-Kinderdorf Oberösterreich, Gerhard Pohl: „Zu Fasching kam der Verein vom Ebenseer Fasching vorbei mit dem Prinzenpaar, der Garde, der Musikkapelle und dem Bürgermeister. Es wurde einen ganzen Nachmittag lang Kinderfasching gefeiert und wir bekamen außerdem Geschenke.“ Für die Ehemalige, Sabine Gerl, war besonders Weihnachten im SOS-Kinderdorf aufregend: „Wir Kinder haben in unseren Zimmern gespannt auf das Klingeln der Glocke gewartet, bis wir endlich unsere Geschenke in Empfang nehmen konnten – das war schon etwas ganz Besonderes. Ich durfte in meiner Kinderdorf-Familie zudem immer das Evangelium lesen“, so Gerl. Der Besuch der Christmette war ebenso fixer Bestandteil zu Weihnachten, wie der Besuch der Ehemaligen am Christtag, zum Teil bereits mit ihren eigenen Kindern.
Im Sommer war und ist für viele SOS-Kinderdorfkinder der sechswöchige Besuch des italienischen Ferienlagers in Caldonazzo unbestritten das Highlight mit einem abwechslungsreichen Sport- und Spieleprogramm. Pohl erinnert sich: „Caldonazzo, das war für uns Freiheit pur, ein einziges Abenteuer. Wir haben dort viel gemeinsam gesportelt, waren schwimmen oder wandern in den Bergen. Daneben habe ich viele Kinderdorfkinder aus verschiedenen Ländern kennengelernt, da haben sich oft Freundschaften entwickelt“. Die Ehemalige, Evelyn Führer, kann sich noch ganz genau an ihre Ankunft im SOS-Kinderdorf Altmünster als damals Neunjährige erinnern. Ihr erster Eindruck war so einprägsam, dass er heute noch präsent ist: „Ich kann mich heute noch erinnern, wie ich in mein neues Zimmer gekommen bin, an den besonderen Duft von frischer Bettwäsche, den ich so bisher nicht kannte. Auf dem Kopfkissen war außerdem eine kleine Schokolade als Willkommensgruß für mich. Meine Kinderdorfmutter hat später noch für meine eigenen Kinder – auf meinen Wunsch hin – die Bettwäsche gewaschen. Wenn ich den Duft rieche, kommt immer noch die Erinnerung an den 1. Tag im SOS-Kinderdorf auf“, so Führer. Über den Rückhalt, den er im SOS-Kinderdorf erhalten hat, erzählt der Ehemalige, Florian Mayer, gerne: „Ich habe einfach gewusst, dass immer jemand für mich da ist. Du bist hier nie allein“, bringt es Florian auf den Punkt. Und weiter: „Selbst, wenn wir einmal Mist gebaut haben, was natürlich vorkam, dann haben wir immer gewusst, dass wir wieder zu unseren Betreuern kommen können“.
SOS-Kinderdorf Altmünster in Zahlen Seit 70 Jahren gibt es nun das SOS-Kinderdorf Altmünster. Es zählt damit zu den ältesten SOS-Kinderdörfern weltweit. Über 1.440 Kinder und Jugendliche sind seit der Gründung des SOS-Kinderdorfes in Oberösterreich betreut worden. Neben Altmünster gibt es auch einen Standort von SOS-Kinderdorf in Rechberg, wo 2 SOS-Kinderdorf-Familien und 2 Kinderwohngruppen angeboten werden. In Linz betreibt das SOS-Kinderdorf zudem eine Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Im neuen SOS-Kinderdorf Altmünster können bis zu 100 Kinder, Jugendliche und ihre Eltern begleitet werden. Aktuell werden im SOS-Kinderdorf Altmünster 86 Kinder- und Jugendliche betreut. Rund 80 Mitarbeiter*innen werden derzeit in Altmünster beschäftigt. In SOS-Kinderdörfern in Oberösterreich werden insgesamt 126 Kinder- und Jugendliche von rund 140 Mitarbeiter*innen betreut. Österreichweit fanden rund 1.800 Kinder und Jugendliche 2024 bei SOS-Kinderdorf ein liebevolles und stabiles Zuhause. Rund 4.200 Kinder, Jugendliche und ihre Familien wurden 2024 in ganz Österreich regelmäßig beraten und unterstützt.







