RETTUNGSDIENST UND FREIWILLIGKEIT – GEHT DAS HEUTZUTAGE NOCH ZUSAMMEN?

Anna Marschner B.A., freiwillige Rettungssanitäterin auf der Ortsstelle Thomasroith sowie Mag. Gerald Schuster, Bezirksrettungskommandant und Bezirksgeschäftsleiter des Roten Kreuzes (und ebenfalls nach wie vor im Rettungsdienst aktiv)
Anna Marschner B.A., freiwillige Rettungssanitäterin auf der Ortsstelle Thomasroith sowie Mag. Gerald Schuster, Bezirksrettungskommandant und Bezirksgeschäftsleiter des Roten Kreuzes (und ebenfalls nach wie vor im Rettungsdienst aktiv)

Ausgangssituation
Alle großen Freiwilligen-Organisationen sehen sich vier einander zuwiderlaufenden Veränderungen ausgesetzt: 1. Die Bereitschaft zu freiwilligem Engagement für das Gemeinwohl nimmt ab.
2. Die Bereitschaft zu freiwilligem Engagement für das Gemeinwohl verlagert sich, weg von großen Verbänden/Vereinen hin zu kleinteiligeren Engagements, in denen man sich individueller einbringen kann (Repair-Cafés, Umwelt-Bürgerinitiativen, …)
3. Außerhalb von Job und Familie stehen derzeit internationale oder globale Krisen im Fokus des Bewusstseins.
4. Die Bevölkerung erlebt eine Gesellschaft im Wohlstand, in der man sich vermeintlich alles leisten (und kaufen) kann. Das führt zu einer gefühlten Sicherheit, die vorgaukelt, man sei rundum abgesichert.

Betrachtet man jedoch die Zahlen, mit denen sich der Rettungsdienst des Roten Kreuzes konfrontiert sieht, ist eine gewisse Alarmstimmung nicht gänzlich fehl am Platz: A) 2013 gab es im Bezirk Vöcklabruck ca. 1.000 Rettungssanitäter:innen, die 37.586 Einsätze geleistet haben. Im Jahr 2022 waren es 862 Rettungssanitäter:innen, die 42.894 Einsätze zu leisten hatten.

Tagausfahrten 2013: 33.010 Nachtausfahrten 2013: 6.211
Tagausfahrten 2022: 37.033 Nachtausfahrten 2022: 8.547
Steigerung tags: über 12 % Steigerung nachts: über 37 %
Steigerung gesamt: über 16 % (im Schnitt, da mehr Ausfahrten tagsüber)
Reduktion der RS: -14 % B) Bei den Ausfahrten des Notarztdienstes gibt es sogar eine Steigerung von über 64% (von 1.635 Ausfahrten in 2013 auf 2.686 Ausfahrten in 2022)!

Woran liegt das? Überlegungen und Erlebnisse dazu können Ihnen am besten die Betroffenen selbst schildern.


Gesprächspartner:in Anna Marschner B.A.
Rettungssanitäterin Ortsstelle Thomasroith

Mag. Gerald Schuster
Bezirksrettungskommandant und Bezirksgeschäftsleiter Rotes Kreuz Vöcklabruck




Zitate
Anna Marschner, B.A.
„Die vermehrten Ausfahrten machen uns zu schaffen. Ganz besonders in der Nacht wird es immer schwieriger, da man aufgrund der Häufigkeit der Rettungstransporte kaum zum Schlafen kommt. Als Freiwillige leistet man diese Dienste ja auch oft unter der Woche. Das bedeutet, dass man am nächsten Tag wieder ganz normal, also frühmorgens in die Arbeit muss. Und auch hier will – und sollte man ja auch! – gute Arbeit leisten. Das wird aber immer schwieriger, einfach weil man einen akuten Schlafmangel hat.
Das Traurige dabei ist, dass viele Transporte medizinisch gar nicht notwendig wären. Viele Menschen rufen heutzutage den Rettungsdienst, obwohl das nicht nötig wäre. Die Bevölkerung scheint Notfälle heutzutage anders zu bewerten, viele vermeintliche Notfälle, für die wir aus dem Schlaf gerissen werden und ausrücken müssen, stellen sich letzten Endes als nicht für den Rettungsdienst indiziert heraus. Das belastet nachts natürlich doppelt.“

Mag. Gerald Schuster
„Bei dieser Gelegenheit können wir auch einen verbreiteten Irrtum aufklären: Wer mit der Rettung fährt, kommt nicht früher im Krankenhaus dran, außer es medizinisch zeitkritisch. Das wird vor Ort im Krankenhaus begutachtet und eingeordnet. Ein nicht-notwendiger Transport hilft also nicht dem Patient/der Patientin, hält jedoch Menschen, die anderen im Notfall beistehen wollen, genau hiervon ab. Oftmals sind Angehörige in Rufweite, die den Patient/die Patientin selbst ins Krankenhaus fahren könnten. Stattdessen wird ‘die Rettung‘ gerufen.
Ich kann bestätigen, dass das Anspruchsdenken der Bevölkerung sehr zugenommen hat, und zugleich hat die medizinische Basiskompetenz abgenommen. Tatsächlich werden wir manchmal zu einem Zeckenbiss gerufen!“

Anna Marschner, B.A.
„Wir alle, egal ob freiwillig oder hauptberuflich, machen stetige Weiterbildungen, um immer am neuesten Stand der Ersten Hilfe zu sein und im Notfall die bestmögliche Erstversorgung sicherstellen zu können. Zudem leisten wir unsere 144 Pflichtstunden im Jahr, das stellt niemand in seiner Sinnhaftigkeit und Wichtigkeit in Frage, denn wer Rettungssanitäter:in wird, macht das, weil er gerne hilft. Wir helfen alle gern! Aber das muss eben zusätzlich zu unserem Beruf und unserem weiteren Leben möglich sein, sonst lässt man es irgendwann bleiben. Manche Kolleginnen und Kollegen haben Familie, viele haben anderweitige Verpflichtungen, Eltern, die pflege- oder betreuungsbedürftig sind, ein Haus und Garten, andere Hobbies wie Sport oder sind, wie ich, im Musikverein. Wenn wir künftig mehr und noch mehr Ausfahrten bewältigen müssen, kippt die Hilfsbereitschaft oder man fragt sich, was man stattdessen streichen kann. Dann wird die Zivilgesellschaft jedoch ärmer, weil man sich in weniger Organisationen beteiligt – oder weil man den Rettungsdienst aufgibt.“

Mag. Gerald Schuster
„Wir verzeichnen bereits einen Rückgang der Freiwilligen. Diesen Rückgang können wir nicht einfach kompensieren indem wir hauptamtliche Mitarbeiter:innen aufstocken. Diese Kosten könnte diese Zivilgesellschaft so wie sie organisiert ist nicht tragen. Deshalb ist es unsere gemeinsame gesellschaftliche Pflicht, die freiwillige Hilfeleistung der Rettungssanitäter:innen erträglich zu machen.
Es gibt auch ganz allgemeine Regelungen, die bereits deutlich machen, dass es keine Lösung sein sollte, vorschnell die Rettung zu rufen: Die Transportscheinregelung: Nur ein Arzt kann einen Transportschein ausstellen. Davon ausgenommen sind selbstverständlich Notfälle. Das bedeutet: bei Beschwerden zuerst zum Hausarzt, ehe man sich für das Krankenhaus entscheidet.
Wer im Krankenhaus oder bei einem Arzt wiederbestellt wird, kann dann, und nur dann mit dem Roten Kreuz fahren, wenn man nicht gehfähig ist und einen Transportschein eines Arztes vorweisen kann.





Wer schon länger Beschwerden hat, sucht bitte den Hausarzt auf. Wenn dieser nicht verfügbar ist, ist die Gesundheitshotline 1450 die richtige Nummer. Diese hilft jedenfalls weiter!
Bei einem tatsächlichen Notfall ist sofort und jederzeit das Rote Kreuz anzurufen unter 144! Der Rettungsdienst steht für Notfälle jederzeit parat, darauf ist der Rettungsdienst ausgerichtet. Jedoch: jeder nicht notwendige Transport blockiert den Rettungsdienst – für einen Menschen in höchster Not.“

Anna Marschner, B.A.
„Wenn wir Rettungssanitäter:innen unserem Dienst nachgehen können wie es vorgesehen ist, dann ist der Rettungsdienst eine großartige Sache! Die Gemeinschaft, die man dort erlebt, sucht ihresgleichen. Man ist nicht nur Mitglied eines Vereins, man ist hier Teil einer größeren Sache, der wir uns alle verschrieben haben. Wir erleben beim Roten Kreuz Gemeinschaft, Freundschaften, erfahren den Sinn des Helfens und bereichern unser Leben durch sehr sehr viele wertschätzende Momente. Es ist unvergleichlich, wenn man einer bedürftigen Person helfen darf, sie im Notfall erstversorgen kann oder einem nicht gehfähigen, vielleicht einsamen Menschen die Fahrt ins Krankenhaus angenehm und zugewandt zu ermöglichen. Diese Erlebnisse machen es absolut wert, einen Teil der eigenen Freizeit dieser großen Sache zu widmen! Wir alle freuen uns auch immer über neue Kolleginnen und Kollegen, die Teil unserer Gemeinschaft werden und mit denen wir gemeinsam diese sinnerfüllende Tätigkeit erleben können! Deswegen kann ich aus tiefster Überzeugung sagen, dass es sich lohnt, Rettungssanitäter:in zu werden!“


Unsere Leistungen 2022 Rettungsdienst/HÄND/NEF
RD: 45.578 Einsätze das bedeutet ein Einsatz alle 11,5 Minuten!
RD: 1.308.640 km (ca. 32mal um die Erde)
RD: 822 freiwillige Rettungssanitäter:innen 40 berufliche Rettungssanitäter:innen
52 Zivildiener in Summe -> diese leisten nach ihrer Ausbildung im Jahresschnitt die Arbeit von ca. 30 Rettungssanitäter:innen
NEF: Der Notarztdienst hatte 2.686 Einsätze

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